Evaluation der Familienklasse in Hessen

Hintergrund

Obwohl alle Kinder die gleichen Bildungschancen haben sollten, zeigen Studien, dass dies in Deutschland unzureichend gelingt (OECD, 2023). Die Ursachen für schulisch problematische Entwicklungsverläufe sind bei Kindern und Jugendlichen oftmals multifaktoriell bedingt (Lauth et al., 2014). Daher sind Förderkonzepte gefragt, die nicht nur das Kind, sondern auch dessen Umwelt gezielt berücksichtigen. Ein innovativer und präventiv ausgerichteter Förderansatz ist die Familienklasse – eine Methode, die sich im Schulkontext zunehmend etabliert (Wuntke et al., 2023). Hier werden Kinder gemeinsam mit ihren Eltern von pädagogisch geschulten Fachkräften gestärkt: Sie lernen, schulische Anforderungen positiv zu reflektieren, gemeinsam Problemlösestrukturen und Freude am Lernen zu entwickeln und Selbstvertrauen aufzubauen. Das Konzept der Familienklasse findet in Deutschland seit ca. 15 Jahren im Bildungsbereich Anwendung und wurde vornehmlich in den Bundesländern Hessen, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern systematisch implementiert (Wuntke et al., 2022). 

Lehrkräfte, Eltern und Kinder bescheinigen der Familienklasse eine hohe, subjektiv erlebte Evidenz und berichten von vielfältigen Transfereffekten auf Schulebenen und -akteur*innen (Köhler et al., 2025). Bisher existieren jedoch keine verallgemeinerbaren Wirksamkeitsstudien, die die Effektivität des Konzepts belegen (Wuntke, 2024). Vor diesem Hintergrund soll das geplante Forschungsprojekt die Wirksamkeit der Familienklasse empirisch untersuchen – mit einem Mixed-Methods-Design, das Perspektiven von Schüler*innen, Eltern und Lehrkräften einbezieht.

Forschungsdesign

Anhand des Konzepts, das multi-systemisch angelegt ist, und bisheriger (positiver) Erkenntnisse aus dem klinischen Setting und kleinerer explorativer Studien kann angenommen werden, dass die Familienklasse auf unterschiedlichen Ebenen (u.a. Beziehung, Lernerfolg, Selbstkonzept) wirksam ist. In der vorliegenden Studie soll die Frage beantwortet werden, ob die Teilnahme am Konzept der Familienklasse für die zwei wichtigsten Zielgruppen, die teilnehmenden Schüler*innen und ihre Eltern, positive Auswirkungen auf das schulische und familiäre Erleben hat. 

Um die Wirksamkeitseffekte und Nachhaltigkeit der Familienklasse zu ermitteln, ist eine Längsschnittstudie mit drei Messzeitpunkten (Prä-, Post- und Follow-Up-Test) geplant, bei denen Kinder, Eltern und Lehrkräfte mittels standardisierter Diagnostikerfahren befragt werden (s. Tabelle 1). 

Die Intervention als solches wird von entsprechend dafür ausgebildeten Fachkräften für multi-systemische Familienarbeit am jeweiligen Schulstandort durchgeführt. Die Dauer der Intervention wird von den pädagogischen Fachkräften entschieden. Damit ergeben sich für die Versuchsteilnehmer*innen jeweils unterschiedliche Interventionszeiten (s. Abb. 1). Die angedachten Untersuchungen werden in Abhängigkeit vom Verfahren von den Lehrkräften, den pädagogischen Fachkräften oder den Schüler*innen selbst am ersten (Prätest) und letzten (Posttest) Tag der Familienklasse sowie drei Monate nach Beendigung der Familienklasse (Follow-Up-Test) in der Schule durchgeführt. Außerdem beurteilen die Klassenlehrkräfte der Schüler*innen ab dem Vorschlag für die Familienklasse täglich ein bis vier relevante Verhaltensbereiche des Kindes (Grund-, Interventions- und Follow-Up-Rate). 

Als Kooperationspartner konnte das Albert-Schweitzer-Kinderdorf Wetzlar e.V. in Hessen gewonnen werden, das die Umsetzung von Familienklassen in Hessen maßgeblich verantwortet. Mit 27 praktizierenden Familienklassen an Grundschulen handelt es sich bei Hessen um das Bundesland mit der zweithöchsten Dichte an Familienklassen und der umfänglichsten Erfahrung (seit 2010). Der Kooperationspartner ist substanziell an der Entwicklung der Forschungsfragen und des Studiendesigns beteiligt, um Relevanz, Nutzen und Durchführbarkeit für die und in der Praxis zu gewährleisten.

Der Beginn der Datenerhebung ist für Mai 2026 geplant. Um eine aussagekräftige Stichprobe von 150 Kindern und deren Eltern zu erreichen, werden Datenerhebungen bis zum Ende des Schuljahres 2027/2028 anvisiert. 

 

Weiterführende Links:

ask-hessen.de/unser-angebot/familienklasse/

kultus.hessen.de/programme-und-projekte/familienklassen

schulen.lahn-dill-kreis.de/bildungsbuero/projekte/familienklasse/

 

Weiterführende Literatur:

Köhler, J., Wuntke, L. V., Blumenthal, Y. & Mahlau, K. (Hrsg.) (2025). Familienklasse. Ein Präventionskonzept für Kinder mit herausforderndem Verhalten an Schulen. Stuttgart: Kohlammer Verlag.

Lauth, G., Brunstein, M. & Grünke, J. (2014). Interventionen bei Lernstörungen. Förderung, Training und Therapie in der Praxis. 2. Auflage. Göttingen: Hogrefe.

OECD (2023. PISA 2022 Ergebnisse (Band I). Lernstände und Bildungsgerechtigkeit, PISA, wbv Media, Bielefeld, https://doi.org/10.3278/6004956w.

Wuntke, L. V. (2024). „Du schaffst das!“ Das Erleben von Schülerinnen und Schülern im Familienklassenzimmer. Zeitschrift für Heilpädagogik, 75(12), 567-579. https://doi.org/10.25656/01:32083

Wuntke, L. V., Blumenthal, Y., Föllmer, J. & Mahlau, K. (2022). Multisystemisches Arbeiten in der Schule anhand des Förderkonzepts Familienklassenzimmer. In D. Raufelder, O. Steinberg & C. Retzlaff-Fürst (Hrsg.), Rahmen- und Gelingensbedingungen für eine innovative, praxisorientierte und phasenübergreifende Lehrkräftebildung. Beiträge aus der Qualitätsoffensive Lehrerbildung in M-V (S. 65-74). Opladen, Germany: Budrich.

Wuntke, L. V., Blumenthal, Y., Köhler, J. & Mahlau, K. (2023). Das Familienklassenzimmer – Verbreitung in Deutschland und konkrete Umsetzung des multisystemischen Konzepts an Schulen in Mecklenburg-Vorpommern. Zeitschrift für Heilpädagogik, 74(4), 148-155.

Wuntke, L. V. & Köhler, J. (2025). Wissenschaftliche Untersuchungen. In J. Köhler, L. V. Wuntke, Y. Blumenthal & K. Mahlau (Hrsg.), Familienklasse. Ein Inklusionskonzept bei Schwierigkeiten im Lernen und Verhalten. Stuttgart: Kohlhammer.

 


Forschungsteam

Universität Greifswald 

Prof. Dr. phil. habil. Kathrin Mahlau, kathrin.mahlauuni-greifswaldde

Janis Rexhäuser, janis.rexhaeuser@uni-greifswald.de

Joachim Köhler, joachim.köhleruni-greifswaldde

Dr. Lena Varuna Wuntke, lena.wuntkeuni-greifswaldde

 

Hochschule Neubrandenburg 

Prof. Dr. Mirjam Reiß, mreisshs-nbde